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Sinfonia Fiorentina op.14

Kammersymphonie in 5 Sätzen für Doppel-Quintett (Flöte,Oboe, Klarinette in B, Horn, Fagott – Violine 1+2, Viola, Violoncello, Kontrabaß):

Introduktion
1. San Ciappelletto
2. La morte di Savonarola
3. Il progresso dei Medici
4. Giardino di Boboli

Auftragswerk des Orchestre Symphonique de Mulhouse
UA am 10. Dezember 2011 in Mulhouse durch Mitglieder des OSM unter der Leitung von Christoph Ehrenfellner

Die Sinfonia Fiorentina ist der Anfrage des Orchestre Symphonique de Mulhouse entgegengekommen, für einen Kammermusik-Abend ein passendes Equivalent auf Th. Dubois Dixtuor zu schreiben. Der Zufall des Lebens hat mich gerade in jenen Tagen voll Vergnügen in Boccaccios herrlicher Geschichtensammlung, dem allbekannten Decameron schmökern lassen.

Der erste Pate für das Dezett op.14 war kein geringerer als Giovanni Boccaccio selbst, und dessen Geschichtensammlung Decameron. Ein junges Völkchen, zehn Menschen an der Zahl, bildet bei Boccaccio den Rahmen der Erzählungen: sieben Edeldamen und drei vornehme Herren, welche dem jammervollen Zustande der Stadt Florenz, die im Jahre 1350 von einer schlimmen Pest heimgesucht war, zu entfliehen suchten, indem sie sich zu einer munteren Runde auf einem nahen Landgut zusammen taten – vorderhand zum Zwecke, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Erzählen selbst war hier auf wundersame Weise eine Art, sich am Leben zu halten, nicht dem Jammer zu unterliegen, welchen eine Seuche damals über Florenz brachte.

In der Sinfonia Fiorentina springt zunächst die Anzahl der Spieler ins Auge, jene zehn, welche genau den Rahmen-Protagonisten des Boccaccio entsprechen. Die Form der Sinfonia im Großen, die freie Suitenanordnung der einzelnen Sätze, schielt unverhohlen nach dem großen Vorbilde, in welchem mit leichter Hand Novelle an Novelle gereiht ist. Auch ist die Wahl und Reihung der Themen dem lockeren Erzählton des Boccaccio abgelauscht, und endlich entspricht noch die rondoartige Wiederkehr des Initialimpulses zum freien Erzählen selbst ganz offensichtlich den Spielregeln im Decameron.

Mit derselben Direktheit, wie es sich in jenem großen Buche findet, kann man sich auch in der Sinfonia von deren Introduktion in Florenz „abholen lassen“ und wird alsbald an den Schauplatz des Geschehens geführt, in einen munteren Garten voller Geschichten und Lebenslust – in scharfem Kontraste zu den Zuständen innerhalb der Stadt. Der erste Satz sodann entspricht der Eröffnungsnovelle des Decameron, jener erfrischenden Verflechtung von Gut und Böse, von opulentem Religions- und Weiherausch und trockener Durchtriebenheit eines Bösewichts, Ciappelletto, der endlich unwissend über sich selbst erwächst in einem letzten Versuche, Gutes zu tun. Wer wüsste da heute noch, wo oben und wo unten wäre. Das stets kreisende Eröffnungs- und Erzählthema aber führt nun weiter durch Topoi, welche einst Florenz geprägt haben, und die zuweilen heute noch wie große Schatten über der Stadt zu liegen scheinen.

Der Trauermarsch zieht auf eine andere Weise um das Phänomen Gut und Böse, dem dominikanischen Bußprediger Girolamo Savonarola nachsinnend und nachsingend, welcher in seinem vehementen Bestreben nach Ordnung und Konzentration im Guten endlich für eine Vielzahl von Morden und Kunstvernichtung im großen Stile verantwortlich wurde – kein Einzelfall in der Geschichte der Menschheit! Hier erklingt die bange Frage, was jenen Menschen wohl durchdrang, als er im Jahre 1498 zu seiner eigenen Hinrichtung schreiten musste, auf denselben Platze, auf dem er zuvor die berühmte „Verbrennung der Eitelkeiten“ veranstalten ließ.

Dem großen Geschlecht der Medici, welche über Jahrhunderte der jungen Republik Florenz weit mehr als nur die Stadt beherrschten, gilt der schnelle Scherzo-Satz, der frei assoziativ erzählt über das Einzelne, das Gesammelte, das Großartige und das Brutale, das Verzogene, das Gerade, das Schlüpfrige, das Feste, das Einladende und das Drohende, über all jene Schattierungen und Geschmäcker eben, welche ein Führen von Macht durch Menschen anscheinend miteinschließen muss. Endlich wird der Hörer im letzten Satz, einer Idylle, in den stillen, friedlichen Zauber des Giardino di Boboli entlassen, welcher unweigerlich, so man sich physisch in dessen Bann sinken lässt, zum lebendigen Schauspiel uralter Geister werden muss, die einem Lieder und Seufzer zu singen wissen in den seltsamsten Tönen. Die Leichtigkeit der Idylle beschließt den Reigen also und läßt in ihrer Sanftheit den unendlichen Geschichtenreichtum der Menschen offen im Raume zurück.

Aufführungsdauer: ca. 40min

 

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