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Kadenzen op.13

zum Violinkonzert op.61 von L.v.Beethoven

 

Daß das Beethovensche Violinkonzert – wie viele andere Stücke dieser markanten Jahre nach der französischen Revolution – ganz offen mit Elementen jener Musiken spielt, welche diesen enormen Sturm begleiteten und beförderten, ist heute längst erkannte Tatsache. Vom latenten Marschcharakter über Bläser-lastige Feldmusikanklänge bis zum aufmunternden Gassenhauer findet sich, was sich auch im Repertoire der Militär-Musiken findet, und die berühmte Eröffnung des Violinkonzertes mit den 4 Paukenschlägen ist aus diesem Gesichtspunkt wie ein Nachklang der Napoleonischen Soldatenstiefel.

Solcherlei Gedanken haben mich bewogen, für eine Aufführung dieses Konzertes mit dem Salzburger Universitätsorchester, in der ich selbst den Solo-Part übernahm, neue Kadenzen zu schreiben. Schwer genug lastete der Druck jener meisterhaft geformten „Improvisationen“ Joachimscher und Kreislerscher Provenienz auf mir, denn ich fand eine Vielzahl der tonalen violinistischen Motivik aus dem Beethovenschen Material dort schon ausführlich elaboriert.

So kam mir die Perspektive gelegen, für den 1. Satz jenen Revolutions- und Marschcharakter genauer unter die Lupe zu nehmen, und – um diese Idee nun wirklich bei ihrem ganzen Schopf zu packen – das eigentliche militärische Geschehnis, nämlich einen wirklichen Bruch, echte Zerstörung, im Laufe der Kadenz nachzuzeichnen. Was lag da näher als a) das „Siegerthema“, nämlich die Hymne „Marsaillaise“ aus dem Beethovenschen Seitenthema abzuwandeln, und b) Tonraum, Tonproduktion und Tonalität an sich bis zum Bruche hin zu erweitern - um am Ende in die unbeschreibliche Versöhnung der Beethovenschen Coda zurückzuführen!

Um diesen Plan noch wirkungsvoller zu stützen, ist auch das Orchester ein wenig eingebunden in diese „Kriegs-Fantasie im Kleinen“. Der Solist eröffnet zunächst ganz im bekannten Bravour-Stil, um sich bald schon in der moll-Variante des Seitenthemas, welche auch bei Beethoven die eigentliche Gärung der Durchführung erzeugt, die erste Hilfe bei den Fagotten zu sichern... wir befinden uns in beinahe unrettbar abgestürztem es-moll.
Nun kommen bald Instrumente hinzu, der Tonraum wird über jene im Jazz so beliebten Durchgänge „verbotener“ Töne erweitert und rhythmisch enger verschachtelt. Noch ein paar mal sticht im Solo-Part synkopiert ein Versuch, oder besser ein Suchen des Beethovenschen Hauptthemas hervor, das sich aber bereits „händeringend“ wie ein Ertrinkender ausnimmt, bevor die wilden orchestralen Wellen es endgültig verschütten... um den Raum für jene Ruinen öffnet, die wir von Shostakovich her so genau kennen. Jetzt entpuppt sich die „andere Natur“ des lyrischen Seitenthemas, und es geschieht vor unseren Ohren eine Metamorphose: schrittweise steigt die Marsaillaise vor unseren Augen – oder besser: Ohren - aus dem Kokon von Beethovens Thema. Der Rest ist zunehmende Zerstörung, bis zur direkten „Vergewaltigung“ der Instrumente, die Streicher schlagen „battuto“ ihre Bögen gegen die Saiten, der Solist erstickt im eigenen Geschrei.
Seltsamerweise bringt uns aber die starke Affinität, welche das Beethoven´sche Seitenthema mit der französischen Hymne aufweist, am Ende ebenso traumwandlerisch wieder zurück, wie es uns vorher entführt hat, und mit dem „smorzando“ der Pauken-Glissandi, welche eine Art diatonische Realität wieder zu installieren suchen, sinken wir zurück in den Schoß der Harmonie und Tonalität. Alles nur ein Traum.

Die kurze Überleitung zum 3. Satz schlägt augenzwinkernd einen grotesk-schalkhaften Ton an, der uns sofort aus dem „Seelen-Tempel“ des himmlischen Larghettos in die menschliche Realität zurückholt.

Die Kadenz im 3. Satz endlich greift noch einmal nach den Grundideen der Kadenzierung vom 1. Satz: Wieder beginnt der Solist bravourös alleine, wählt bald schroffere, gewagtere Winkelzüge und Manöver, um sich in eine dichte Bi-Tonalität zu verstricken, die so knapp ineinander gewebt ist, dass sie dem Ohr bereits als vollkommen frei-tonal erscheinen muss. Und wieder muss an einem gewissen Punkt der Geschichte Schützenhilfe vom Orchester kommen.
Der Retter aus der bitonalen Verlorenheit erscheint in Gestalt der 7. Symphonie: es war mir einfach zu verführerisch, die unglaubliche innere so wie auch äußerlich ganz evidente rhythmisch-motivische Nähe des Hauptthemas der 7. Symphonie zur Schlussgruppe des 3. Satzes des Violinkonzertes ins Spiel zu bringen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, jenes Verwirrspiel zu beginnen, welches unweigerlich getrieben wird beim abwechselnden Erscheinen zweier Zwillingsbrüder – Stoff für die besten Komödien!

Die Beethovensche Dislozierung nach Es-Dur für seine Themenrückkehr nimmt sich nach dem Verwirrspiel und der Scheinreprise meiner Kadenzierung beinahe wie eine „sichere Rückkehr“ in heimatliche Gefilde aus. Das verändert natürlich die Gesamtdramaturgie des Satzes, und man braucht ein Weilchen, um doch endlich sich in D wieder zu akklimatisieren... was dem Tonarten-empfindlichen Hörer womöglich bereits zu viel ist, wird den Freund gewitzter Geschichten erst so recht erfreuen. In jedem Fall aber erzeugen meine Kadenzen eine perspektivische Öffnung Beethovenscher Tonräume zu den Usancen unserer Tage hin, und sind ganz sicher eine Hilfe, im heutigen Repertoire-Betrieb totgespielte Kunstwerke wieder und wieder neu zu erleben!

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